Wie der Markt zu einem Motor für eine humane und nachhaltige Entwicklung wird
Von der Globalisierung ohne Rahmenbedingungen zur „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith auf globaler Ebene
Von Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher
Die Globalisierung, die wir erleben, läuft fundamental falsch. Sie läuft deshalb fundamental falsch, weil wir auf diesem Globus nicht über eine wirksame Struktur verfügen, mit der die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt das, was diese Mehrheit will, übersetzen kann in Regelwerke.
Wir leben in einer seltsamen Welt. Wir haben auf der einen Seite wunderbare ethische Positionen und diese finden sich in wunderbaren Chartas über die Menschenrechte und andere Grundrechte bei den Vereinten Nationen. Alle Politiker und alle Unternehmensführer und insbesondere natürlich auch alle Geistlichen auf der Kanzel erklären uns ständig, was das Richtige ist, und wir bestätigen uns dann gegenseitig darin. Nur passiert jeweils weitgehend das Gegenteil davon.
Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan hat das Problem mit Bezug auf die im Jahr 2000 von allen Staatsoberhäuptern einvernehmlich verabschiedeten Millenniumsentwicklungsziele einmal so in Worte gefasst: „Wir brauchen keine weiteren Versprechen. Wir müssen anfangen, die Versprechen einzuhalten, die wir bereits abgegeben haben.“
Wir haben auf diesem Globus kein Erkenntnisproblem über richtig und falsch. Wir haben auch kein Erkenntnisproblem darüber, wie man diesen Globus in Ordnung bringen könnte. Die Stelle, an der wir Schwierigkeiten haben, ist die Übersetzung dessen, was wir angeblich miteinander erreichen wollen, in Regelwerke, die letztlich auch in der Praxis zu dem führen, von dem wir vorher so überzeugend gesagt haben, dass wir dies erreichen wollten.
LÖST DER MARKT DIE PROBLEME, DIE ER VORGIBT LÖSEN ZU KÖNNEN?
Dieses Thema hat eine interessante Wechselwirkung mit den modernen Wirtschaftswissenschaften. Es geht im Kern um die Frage, in wie weit der Markt die Probleme der Globalisierung löst. Wir haben uns eine Sprache angewöhnt, nach der der Markt das beste Instrument sei, um die Probleme zu lösen. Die Unschärfe in unserem Denken hierzu hängt am Begriff des Marktes.
Was ist denn der Markt? Hier nehmen viele Bezug zu Adam Smith. Dieser hat über den Markt gesagt, dieser sei das richtige Instrument; die Marktkräfte würden die Dinge in die richtige Richtung lenken. Wir nennen dies heute die unsichtbare Hand von Adam Smith.
Dahinter steht die Idee, dass die Welt am besten funktioniert, wenn die Individuen ihren eigenen Interessen folgen, wenn sie also ihren eigenen Vorteil suchen. Die unsichtbare Hand sorgt dafür, dass durch das Verfolgen der eigenen Interessen durch alle Individuen eine Lösung herauskommt, die das Gemeinwohl maximiert.
Nun, ein solcher Markt mit einer solchen unsichtbaren Hand ist ein wunderbares Konstrukt, weil dann der Mensch nicht bei jeder Kaufentscheidung überlegen muss, was ethisch richtig oder falsch ist. Er muss nur das tun, was seinen Intentionen am meisten entspricht. Er kann sehr egoistisch seine eigenen Intentionen verfolgen und kann dann noch zusätzlich die Gewissheit haben, dass er damit das Allgemeinwohl maximal fördert.
Diese Theorie ist auch nicht ganz falsch. Der Markt sorgt für eine erstaunliche Zuverlässigkeit, dass es genügend motivierte Menschen gibt, die genau das anbieten, was die Gesamtheit der Menschen an Produkten, Dienstleistungen und Qualitäten haben möchte.
DAS MARKTFUNDAMENTALISTISCHE MISSVERSTÄNDNIS
Marktfundamentalisten klammern an dieser Stelle jedoch eine der beiden Voraussetzungen für das Funktionieren von Märkten völlig aus – eine Voraussetzung, die schon Adam Smith völlig unmissverständlich formulierte: Die Rahmenbedingungen, unter denen der Wettbewerb und der Markt stattfinden, müssen stimmen. Das Marktkonstrukt ist, richtig verstanden, eine Kopplung von Rahmenbedingungen und Wettbewerb. Beide Elemente sind entscheidend, um einen Markt zu konstituieren, der Sinn macht. Die Rahmenbedingungen sind mindestens so wichtig wie der Wettbewerb.
Die Funktion der Rahmenbedingungen ist die Sicherung der Effektivität unseres Tuns. Der Wettbewerb dient der Sicherung der Effizienz unseres Tuns. In anderen Worten: Die Rahmenbedingungen sorgen dafür, dass wir das Richtige tun, und die Effizienz sorgt dafür, dass wir das, was wir tun, richtig tun.
Es ist ein großer Unterschied zwischen der Frage, ob man das Richtige tut, oder ob man das, was man tut, richtig tut. Man kann z.B. andere Leute ausrauben und dies richtig gut tun, aber damit tut man nicht das Richtige. Es ist etwas vollkommen anderes, sich damit zu beschäftigen, was das Richtige ist, oder sich damit zu beschäftigen, wie man das, was man tut, richtig tut.
DIE ETHIK DES RICHTIGEN ODER DIE KULTURELLE DIMENSION DER ÖKONOMIE
Weltethisch betrachtet geht es darum, dass die Kulturen in Frieden leben, dass wir die Umwelt schützen, dass wir die Potenziale aller Menschen entwickeln, dass wir Wissenschaft und Kunst befördern. Hier geht es um unsere wunderbarsten Ziele. Die Ökonomie ist demnach dann effektiv, wenn wir am Ende des Tages eine Welt haben, die ökologisch in Ordnung ist, wenn die Kulturen in Frieden harmonieren, wenn es keine Menschen mehr gibt, die verhungern, und wenn alle Kinder in die Schule gehen. Dann ist die Ökonomie in Ordnung, weil sie offenbar im Sinne der Effektivität die Ziele umsetzt die wir weltethisch sehen.
Wenn wir dies dann auch noch in einer günstigen Input-Output-Relation erreichen, wenn wir beispielsweise nicht zu viele Stunden arbeiten müssen, um diese Ziele zu erreichen, wenn wir also noch Zeit für die Familie haben, dann sind wir auch noch effizient. Und am schönsten ist es natürlich, wenn wir effektiv effizient sind.
Wenn wir vor der Wahl stehen, entweder effektiv und nicht so effizient zu sein, oder effizient aber nicht effektiv, dann ist klar, wofür sich ein normal denkender Mensch entscheiden würde. Er würde sich im Zweifelsfall immer dafür entscheiden, dass er effektiv ist, selbst wenn er dann nicht ganz so effizient sein sollte.
Richtig betrachtet ist die Ökonomie zwar wichtig und richtig betrachtet ist ohne die Ökonomie alles nichts, aber ein Leben, das nur Ökonomie ist, ist ein armseliges Leben. Wir sind nicht auf dem Globus, um Ökonomie zu betreiben, und es ist nicht die Kernfunktion unseres Lebens, effizient zu sein.
Der stundenlange Blick von Liebenden in die Augen des Geliebten ist in höchstem Maße ineffizient, aber ebenso in höchstem Maße effektiv für das Erleben von Liebe. Selbst manche der härtesten Materialisten gehen tagsüber höchst effizient arbeiten, damit sie abends höchst ineffizient das Geld ausgeben, das sie über den Tag so höchst effizient verdient haben. Weil es Wichtigeres auf dem Globus gibt als Ökonomie. Für das Leben der Menschen ist das letztlich Ausschlaggebende eindeutig die kulturelle Sphäre. Der Kulturbegriff reicht weiter als der Ökonomiebegriff.
WIE DER MARKT ZUM MOTOR EINER NACHHALTIGEN ENTWICKLUNG WIRD
Was viele nicht wissen: Adam Smith, der „Vater der Marktwirtschaft“, war von Hause aus ein Moralphilosoph, also ein Mensch der kulturellen Sphäre. Als er von der „unsichtbaren Hand“ sprach, war ihm vollkommen klar, dass diese nur funktionieren könne als Folge von Rahmenbedingungen. Zuerst müssen die Rahmenbedingungen so gesetzt sein, dass sie das honorieren, was dem Gemeinwohlinteresse entspricht. Dann und nur dann verhält sich ein Individuum auf dem freien Markt zuverlässig so, dass der Verfolg seiner Eigeninteressen wie von unsichtbarer Hand zur Steigerung des Gemeinwohls führt.
Wenn wir also der Meinung sind, dass wir unsere Umwelt schützen sollten, dann ist es eine Frage der Rahmenbedingungen, die Zerstörung der Umwelt so teuer zu machen, dass jeder Unternehmer alles unternimmt, diese Zerstörung zu vermeiden. Eine Gesellschaft, die über die Rahmenbedingungen den konsequenten Schutz der Umwelt durchsetzt, kann sicher sein, dass es im Markt eine unsichtbare Hand gibt, die den handelnden Akteuren aus schierem Eigennutz die Tendenz mitgibt, die Umwelt zu schützen.
Ähnlich ist es im sozialen Bereich. Ein vernünftiges ökonomisches System wird immer so gebaut sein, dass der erfolgreichste ökonomische Akteur der ist, der viele Mitarbeiter beschäftigt und diese vernünftig entlohnt und außerdem viele Steuern bezahlt. Der ökonomische Erfolg sollte über entsprechende Rahmenbedingungen idealerweise so gesteuert sein, dass für diesen vernünftigerweise viele Mitarbeiter nötig sind, um einen richtig großen Mehrwert schöpfen zu können. Und wenn dann dieser große Mehrwert erzielt ist, sollte ein vernünftig großer, substanzieller Teil davon an Steuern abgeführt werden, um damit die besten systemischen Voraussetzungen zur Produktion von Wohlstand finanzieren zu können.
Wenn man eine Gesellschaft so organisiert, dann kann man sich auf den Eigennutz der ökonomischen Akteure auch im Sinne des Gemeinwohls voll verlassen. Je mehr sie unter diesen Bedingungen in ihrem Eigennutz erfolgreich sein werden, desto mehr Mitarbeiter werden sie beschäftigen und desto mehr Steuern werden sie bezahlen und desto mehr werden wir alle glücklich sein, wenn sie noch mehr verdienen, weil sie dann noch mehr Mitarbeiter einstellen… Und jedem wird es dann sofort klar sein, dass es eine unsichtbare Hand gibt, bei der die Verfolgung der Eigeninteressen durch das Individuum das Gemeinwohl maximal fördert.
GLOBALISIERUNG OHNE RAHMENBEDINGUNGEN
Wenn es aber gelingt, die Rahmenbedingungen für eine humane Weltwirtschaft wegzudefinieren, braucht man sich über die Ergebnisse nicht zu wundern. Dies ist durch die einseitige Globalisierung geschehen.
Wenn ich via Globalisierung plötzlich besonders viel Geld generieren kann, indem ich woanders die Umwelt zerstöre, indem ich versuche, mir die Ressourcen der ärmsten Welt zum Nulltarif zu holen, indem ich meine Mitarbeiter los werde, indem ich meine Steuern dort bezahle, wo die Steuertarife am niedrigsten sind, dann kann ich selbstverständlich nicht erwarten, dass eine unsichtbare Hand die eigenen Interessen noch immer in ein wie auch immer geartetes Gemeinwohl übersetzt. Wenn ich in einer Welt lebe, in der alles erlaubt ist, dann kann ich nicht erwarten, dass ein Markt im Sinne eines Weltgemeinwohls funktioniert.
Ein solcher Markt fördert die Effizienz in der Verletzung der Effekts in Bezug auf das Gemeinwohl. Und dies ist das Problem, mit dem wir die letzten Jahre konfrontiert sind. Wir haben eine Form von Globalisierung, die uns eine vernünftige Regulierung erschwert. Wir haben somit eine Rahmensetzung, die genau das Gegenteil von dem leistet, was die unsichtbare Hand hätte erzeugen sollen. Marktradikale Wirtschaftstheoretiker haben das Vokabular und die Theorie von Adam Smith missbraucht und sie in ihr Gegenteil verkehrt.
MISSBRAUCH DES FREIHEITSBEGRIFFS
Dasselbe gilt für einen anderen Begriff, der hier eine Schlüsselrolle spielt: die Freiheit. Freiheit ist ein großartiges Konzept. Der Mensch fühlt sich frei, er möchte frei sein, es ist für ihn nichts schlimmer als wenn ihm elementare Freiheiten vorenthalten werden.
Wer sich etwas mit der Geschichte der Sklaverei beschäftigt hat, der weiß: Viel gravierender als die Frage der erniedrigend geringen Einkommen ist für Menschen in der Sklaverei, dass ihnen gewisse elementare humane Entscheidungsmöglichkeiten vorenthalten werden. Es ist viel unerträglicher, nicht selbst entscheiden zu dürfen, wen man liebt und mit wem man zusammenlebt oder was der Aufenthaltsort seiner eigenen Kinder sein soll, als Abstriche am Gehalt machen zu müssen. Darum ist die Freiheit für die Menschen ein so entscheidendes Konzept.
Aber wenn man nun versucht, eine funktionierende Gesellschaft aus dem Konzept der Freiheit heraus zu entwickeln, dann muss man sich mit der Frage beschäftigen, wo die Freiheit des einen in Konflikt kommt mit der Freiheit des anderen. Wer vielleicht am meisten hierüber nachgedacht hat, ist der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Er ist der erste Nobelpreisträger für Ökonomie aus einem Entwicklungsland. Er ist Inder und er lehrt in Harvard. Er hat sich mit Entwicklung als Umsetzung von Freiheiten beschäftigt.
Er ist ein großer Verfechter der Demokratie, weil er sagt, die Demokratie erweitert die Freiheitsmöglichkeiten der Menschen. Sie schafft eine Partizipation der Bürger an grundlegenden Entscheidungen über die Rahmenbedingungen des Zusammenlebens. Wo Demokratie herrscht, wird mehr informiert und anders diskutiert. Und die Quintessenz seiner Beobachtungen ist: In Demokratien verhungert niemand.
Wenn man die Freiheit als universelles Konzept begründen will, muss man sich in seiner Sicht allerdings erstens mit Freiheitsvoraussetzungen und zweitens mit der Verantwortungs-übernahme für Freiheitsfolgen beschäftigen.
DIE VORAUSSETZUNGEN FÜR EIN GESELLSCHAFTSSYSTEM DER FREIHEIT
Zunächst zu den Voraussetzungen für Freiheit: Ein Mensch, der sich in einem freien System adäquat und seinem Potential entsprechend beteiligen will, der muss zumindest gesund sein und braucht eine angemessene Ausbildung. Er muss den Wissensstand anderer potenziell erreichen können.
Eine Gesellschaft, die wie unsere Welt Hunderte Millionen Kinder in sklavenartige Kinderarbeit steckt statt sie auszubilden, hat im Grunde genommen noch nicht einmal das Recht davon zu reden, dass Freiheit das entscheidende, konstituierende Prinzip ist, nach dem wir uns organisieren. Schon auf der Ebene der Voraussetzungen für Freiheit enthalten wir vielen Hundert Millionen Kinderndie Möglichkeit vor, je eine faire Chance zu haben, Freiheit wahrnehmen zu können. Wir brauchen also als absolutes Minimum ein System, das sicherstellt, dass alle Kinder auf diesem Globus ausgebildet werden.
FREIHEIT UND DIE ÜBERNAHME VON VERANTWORTUNG
Der zweite Punkt betrifft die Übernahme von Verantwortung von Freiheitsfolgen. Die reiche Welt hat ihren Reichtum auf Prozessen aufgebaut, die, wie wir heute wissen, unter anderem eine Klimakatastrophe zur Folge haben. Die Klimakatastrophe wurde in der reichen Welt erzeugt, ausgebadet werden wird sie primär bei den Ärmsten auf diesem Globus.
Wir können uns schützen, aber die anderen müssen die Folgen unserer Freiheit ertragen. In einem vernünftigen System wäre das Mindeste, was wir tun müssten, die Folgekosten der Wahrnehmung unserer Freiheit zu finanzieren, also die Schadenskosten auf Seiten der Armen zu übernehmen.
Genau dies wäre im Sinne von Adam Smith: eine Rahmenstruktur der Weltökonomie, durch die insgesamt sichergestellt wird, dass alle Prozesse ab sofort im Sinne des Weltgemeinwohls laufen, den Interessen aller Menschen dienen und die Umwelt für uns alle schützen. Wenn wir auf dem Globus ernsthaft eine unsichtbare Hand wollen würden, in deren Folge die weltökonomischen Prozesse das Weltgemeinwohl fördern, dann bräuchten wir ganz andere Rahmenbedingungen als jene, wie wir sie heute haben.
„IN EINER DEMOKRATIE VERHUNGERT NIEMAND!“ - WIRKLICH?
Ich komme noch einmal zurück zur Kernbeobachtung von Amartya Sen. Sen sagt, in einer Demokratie verhungert niemand. Der Globus ist heute jedoch in einem ganz anderen Zustand. Jeden Tag verhungern 24.000 Menschen. Das ist eine Zahl, mit der ich mich sehr intensiv befasse, insbesondere seit dem 11. September 2001.
Aus der Sicht bestimmter Vertreter der reichen Welt war dies der ultimative Terroranschlag. Zwei Türme sind kollabiert, umgekommen sind in diesen beiden Türmen etwa 3.500 Menschen. Allerdings sind an demselben Tag auch wieder 24.000 Menschen verhungert. Seit diesem Tag sind jeden Tag 24.000 Menschen verhungert. Die Multiplikation ergibt, dass seit dem 11. September 2001 insgesamt 12.000 Mal so viele Menschen verhungert wie dort umgekommen sind.
Wir nennen das eine zu Recht Terror, aber was ist dann das andere? Mahatma Gandhi sagte:
„Hunger ist der größte Terror!“ Wenn 24.000 Menschen jeden Tag verhungern, dann ist dies der größte Terror. Und dennoch ignorieren wir dieses Problem, es ist kein ernsthaftes Problem. Während nach dem 11. September allein die Ausgaben für Heimatsicherheit in den entwickelten Ländern um 100 Milliarden Dollar pro Jahr erhöht wurden, bleibt Hunger ein Almosenthema. 100 Milliarden Dollar sind deutlich mehr als die gesamte Entwicklungshilfe dieser Welt.
Jean Ziegler, der UN-Sonderbeauftragte für Ernährung, sagt: „Wenn auf diesem Globus heute ein Kind verhungert, ist es ermordet worden, denn die Menschheit verfügt über das Wissen und die Ressourcen, es zu verhindern.“ Und er sagt auch: „Es werden irgendwann noch Leute vor Gericht stehen dafür, dass wir dies zugelassen haben, denn wenn man Gerechtigkeit im Weltmaßstab betrachtet, ist dieser Tatbestand unterlassene Hilfeleistung.“ Dies ist insbesondere dann unterlassene Hilfeleistung, wenn eine Welt Nahrung für 13 Milliarden Menschen produziert zu dem Zeitpunkt, wo wir nur 6,5 Milliarden Menschen sind.
WIR BRAUCHEN EINE GLOBALISIERUNG DER DEMOKRATIE
Das Interessante am Konstrukt der Demokratie ist, dass sie jedem Menschen eine Stimme gibt, und zwar die gleiche Stimme.
Der Markt ist ganz anders, der Markt gibt jedem Euro oder Dollar eine Stimme. In der Sphäre des Marktes ist es sinnvoll, dass Menschen mit vielen Euros mehr Stimmen haben als Menschen mit wenigen Euros. Dies hilft bei der Effizienz.
Aber bei der Frage der Effektivität ist es wichtig, dass jeder Mensch eine Stimme hat. Dies bräuchten wir heute weltweit. Wir brauchen im Zeitalter der Globalisierung die Demokratie weltweit, wir brauchen eine Globalisierung der Demokratie.
Wenn wir dies nur als die Ausbreitung der Demokratie innerhalb der einzelnen Staaten sehen, greift dies zu kurz, denn worum geht es denn im Letzten? Im Letzten geht es um die Regelwerke. Es geht nach Adam Smith um die Frage: Unter welchen Strukturen findet das ökonomische Geschehen statt? Wie legen wir die Regeln für das globale Geschehen fest - die Regeln für das Klimaproblem, die Regeln für den Handel, die Regeln für das Finanzsystem?
Nehmen wir das Beispiel der CO2-Emissionen. Manche westlichen Politiker meinen, es sei demokratisch, wenn jeder so viel Dreck in die Umwelt schleudern darf wie sein Großvater. Die Chinesen und Inder sehen das ganz ander, sie sagen: Jeder hat gleiche Emissionsrechte und sie fordern den Westen auf, hier doch ganz einfach demokratische Spielregeln gelten zu lassen: Lasst uns doch im Zweifelsfalle einfach abstimmen nach dem Urprinzip jeder Demokratie: One human – one vote!
Wir merken dann, dass plötzlich wir ein Problem mit der Demokratie haben, wenn es um Fragen geht, die das globale Zusammenleben betreffen. Jene, die bisher am meisten über Demokratie reden, fürchten nichts mehr, als dass es sie je gäbe für Fragen, die den Globus als Ganzes betreffen.
Wenn Demokratie nur darin bestehen würde, dass jedes einzelne Land demokratisch ist, dann hätten wir, auf die heutige globale Situation übertragen, etwa folgende Situation: Die deutsche Demokratie bestünde aus Bundesländern, die alle demokratisch sind. Das Bundesparlament tritt, so wie heute, in Berlin zusammen. Nur gäbe es eine Sonderregel: Ein Land, zum Beispiel Berlin, hätte ein Vetorecht, nach dem es kein deutsches Gesetz geben würde, ohne dass Berlin seine Zustimmung gibt. Alle werden sich vorstellen können, wie sehr diese kleine Modifikation, die heute auf internationaler Ebene Realität ist, die Welt des Rechts und der Regeln in eine Schieflage bringen würde.
So entstehen Regeln, die systematisch die einen bevorteilen und die anderen benachteiligen. So entstehen Strukturen, die das Gegenteil von demokratisch sind. Und insofern ist eine vernünftige Zukunft dieser Welt eine Frage der Veränderung der Bedingungen, der Governance für unser Gesamtsystem.


