So funktioniert das soziale Weltwirtschaftswunder
Eine Delegation des Global Economic Network besucht die Unternehmenswelt des Muhammad Yunus – und entdeckt das vielleicht kostbarste ökonomische Wissen für die nächsten Jahrzehnte
Auch wenn die Vergabe des Friedensnobelpreises 2006 an den Gründer der Grameen Bank einiges von der ökonomischen Genialität von Prof. Muhammad Yunus in eine breitere Öffentlichkeit brachte, so war dies bestenfalls die Spitze des Eisbergs. Die Impulse, die Yunus beim VISION SUMMIT 2007 auf Einladung des BWA und des Global Economic Network (GEN) nach Deutschland brachte, zeigten: Yunus hat eine neue, noch sehr viel weitergehende Vision als die Vergabe von Kleinkrediten an Arme. Um dies näher zu erforschen, besuchte vom 1.-5. Februar 2008 eine siebenköpfige Delegation die Grameen Bank in Bangladesh sowie mehrere weitere Grameen-Projekte im Lande.
Der Delegation gehörten neben den Vorstandsmitgliedern des Global Economic Network, Dieter Härthe und Peter Spiegel, noch Dr. Maritta Koch-Weser an, GEN-Präsidiumsmitglied und frühere Weltbankdirektorin, Hans Reitz, Präsident der GEN-Kommission für Social Business und Berater mehrerer CEOs führender deutscher Unternehmen, Prof. Günter Faltin, BWA-Senatsmitglied und Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, der Unternehmer Mike Kaiser sowie der Profifotograf Roger Richter.
VON BETTLERINNEN ZU ERFOLGREICHEN UNTERNEHMERINNEN
Der „Konferenzraum“, in dem die Delegation mit Kleinkreditunternehmerinnen zusammentraf, war das Dorfzentrum einer Grameen-Community gut eine Autostunde außerhalb der 15-Millionen-Metropole Dhaka. Anwesend waren 50 Kreditnehmerinnen. Sie begrüßten die Gäste aus dem fernen Deutschland mit einem „Salute“, bei dem die rechte Hand zackig-stolz zur Schläfe geführt wurde. Dies ist in der Grameen-Family keineswegs ein militärisches Relikt, sondern dient zur täglichen Erinnerung an den aufrechten Gang und den „Blick auf gleicher Augenhöhe“, der diesen Menschen so lange Zeit ausgetrieben wurde.
Und in der Tat blicken den Gästen leuchtende Augen entgegen. Eine Frau berichtet von ihrem Glück und Stolz, endlich selbstständig für sich und ihre Familie sorgen zu können, eine andere von ihrem Unternehmen mit einem Dutzend Mitarbeitern, das sie inzwischen führen kann dank der stufenweise wachsenden Kleinkredite der Grameen Bank. Selbst eine alte Bettlerin, für die nach dem Tod ihres Mannes niemand mehr sorgt, erzählt, wie sie es inzwischen zumindest schon zu einer Teilzeitunternehmerin schaffte und das Betteln immer weiter zurückfahren kann.
Inzwischen hat allein die Grameen Bank 24.0000 Mitarbeiter und 8 Millionen Kreditnehmer in Bangladesh. Aber neben Grameen gibt es weitere Organisationen im Lande, die ähnlich arbeiten. So haben heute 80 Prozent aller Armen in Bangladesh Zugang zu Kleinkrediten. Und dadurch wurde dieses Land zum einzigen Land in der Welt, in dem das Wirtschaftswachstum von derzeit 8 Prozent tatsächlich fast vollständig auf dem „Wachstum aus der Armut“ beruht.
Weltweit hatten 2007 schon mehr als 110 Millionen Menschen Kleinkredite erhalten - das war eine Steigerung in zehn Jahren um etwa das Zehnfache. Wenn wir in einem kleinen Global Marshall Plan nichts anderes tun würden, als zehn Jahre lang jedes Jahr zehn Milliarden in die weltweite Kleinkreditförderung zu stecken, so wäre der Teufelskreis der Armut für schätzungsweise zwei Milliarden Menschen durchbrochen und das Fundament für deren Einstieg in die Weltwirtschaft gelegt. Dies wäre wahrscheinlich das bestangelegte weltweite Wirtschaftsförderprogramm, das es bisher gab.
VOM ANALPHABETISMUS DER MÜTTER ZUM HOCHSCHULABSCHLUSS IHRER KINDER
Zwei der in besagtem Dorfzentrum anwesenden Kreditnehmerinnen, die beide Analphabeten waren wie fast alle Frauen auf dem Lande noch bis vor kurzer Zeit, haben ihre Tochter bzw. ihren Sohn mitgebracht. Dank eines besonderen Grameen-Bildungsdarlehens konnten sie diese zur Hochschule schicken. Sie repräsentierten neben der ökonomischen die Bildungsrevolution, die Grameen auslöste: Kein Kind einer Kreditnehmerin von Grameen ist mehr Analphabet. Und immer mehr besuchen die Hochschule und schließen dort nicht selten mit besten Auszeichnungen ab.
Um noch viel mehr Grameen-Kindern diesen Karrieresprung zu ermöglichen, startete Grameen mit einem neuen Programm: Jeder in der Welt kann einem „Patenkind“ ein Stipendien-Darlehen geben, durch dessen Verzinsung dieses seinen Bildungsweg gehen kann. Nicht mehr als 1.500 Euro reichen dafür aus, wobei der Darlehensgeber sein Geld wieder zurückhaben kann, wenn er dies möchte. Die Delegationsteilnehmer sagten spontan zu, diese neue Form von Bildungspatenschaften für Grameen-Kinder in ihrer Heimat offensiv propagieren zu wollen.
DIE ÖKOLOGISCHE REVOLUTION: 5 MIO. HAUSHALTE MIT SOLARSTROM VERSORGEN
Die nächste Lehrstunde des Grameen-Wirtschaftswunders fand in einem anderen Dorf statt. Dort war zu besichtigen, wie in wenigen Jahren fast die gesamte Welt gerade auch in den entlegenen ländlichen Regionen den Anschluss an das Strom-, das Kommunikations- und auch an das digitale Zeitalter schaffen kann:
„Solar Home Systems“, einfache, aber sogar sturmfeste Solaranlagen von „Grameen Shakti“ (= Energie), liefern den Strom für die Haushalte, bis heute schon in 130.000, bis 2012 sollen es eine Million sein und bis 2015 nicht weniger als fünf Millionen allein in Bangladesh. Die Darlehen für diese Anlagen sind so bemessen, dass die Kreditnehmer genau den Betrag monatlich abbezahlen, den sie sonst für Energie ausgeben mussten. In nur drei Jahren haben sie so die Anlage abbezahlt - und dann die gesamte Restlebensdauer, mindestens fünf weitere Jahre, kostenlos Strom.
Ein anderes Grameen-Unternehmen liefert die wichtigste moderne Kommunikationsmöglichkeit: Handys. „Grameen Phone“ ist inzwischen das größte Unternehmen des Landes überhaupt mit mehr als 30 Millionen Kunden.
Und eine Gruppe von weiteren Grameen-Unternehmen arbeitet derzeit daran, auch die digitale Revolution in die Armutsregionen zu tragen. Sie entwickeln Softwareprogramme für die Armen und digitale Lernmaterialien - und hoffen, dass sie bald auch einen Partner finden, der im Lande und in Kooperation mit Grameen erschwingliche Laptops produziert.
DIE NÄCHSTE STUFE: EINE GRÜNDERWELLE FÜR SOZIALUNTERNEHMEN - ERSTES LERNBEISPIEL: GRAMEEN DANONE
Eine weitere Besichtigung führte in eine weitere Dimension der sehr realen Gestaltbarkeit eines sozialen Weltwirtschaftswunders. Es galt, das erste „Social Joint Venture“ zwischen Grameen und einem Weltkonzern, Danone, zu bestaunen und zu verstehen. Die Reise nach Bogra, 230 km außerhalb von Dhaka, brachte viele höchst wertvolle Erkenntnisse.
Warum ließ sich der Danone-Chef Franck Riboud auf einen im ersten Augenblick so absurd erscheinenden Deal ein - eine Fabrik mitten auf dem Lande in Bangladesh zu bauen, das Know-how kostenlos zu liefern, das meiste selbst zu bezahlen und am Ende nicht mehr zurück zu erhalten als den „Return of Invest“? Dies ist das Modell für die Errichtung von Sozialunternehmen, dem nächsten revolutionären Gedanken von Yunus, und er will, dass in den nächsten Jahren Tausende, Zehntausende solcher Unternehmen entstehen.
Der erste Grund für die Entscheidung von Danone ist sofort einleuchtend: Ein Sozialunternehmen zu gründen, erst recht wenn der Partner ein Friedensnobelpreisträger ist, ist hervorragend für das eigene soziale Image. Mehr noch: Es ist eine im doppelten Wortsinne neue Dimension von Corporate Social Responsibility. Ein Sozialunternehmen produziert permanent sozialen Nutzen, nicht nur wie bei einer Spende nur einmal. Und ein Sozialunternehmen kostet zwar auch Geld, aber es fließt nach einiger Zeit wieder zurück, so dass man es erneut einsetzen kann. Der gesellschaftliche Nutzen wird auf diese Weise gleich vervielfacht - welch wunderbares Argument gegenüber der Gesellschaft.
DER INTELLIGENTESTE WEG ZUM KENNENLERNEN UND ERSCHLIESSEN DER MÄRKTE DER HEUTE NOCH ARMEN
Aber Sozialunternehmen haben noch einen ganz anderen strategischen Vorteil für ein Unternehmen wie Danone: Niemand kennt die Märkte der heute noch sehr armen Menschen besser als die Grameen-Unternehmensfamilie. Wer sich Wissen über die Erschließung dieser größten aller Zukunftsmärkte frühzeitig erwerben will, sollte so intelligent sein wie Franck Riboud. Er wusste: Kostengünstiger und risikoärmer kann der diesen Megamarkt der Zukunft nicht verstehen lernen.
Die Etablierung von möglichst vielen Sozialunternehmen erschließt aber gleichzeitig auch die Entwicklungspotentiale der Ärmsten für diese selbst auf die bisher intelligenteste Weise: Durch Sozialunternehmen kommen sie am schnellsten zur Lösung ihrer strukturellen Probleme, sie finden ein neues attraktives Angebot an Arbeitsplätzen und sie werden nach dem Grameen-Modell auch noch zu Miteigentümern dieser Unternehmen. Was kann aus entwicklungspolitischer Sicht sinnvoller sein?
GLOBAL ECONOMIC NETWORK ARBEITET MIT YUNUS ZUSAMMEN BEI DER GEWINNUNG NEUER PARTNER ZUR GRÜNDUNG VON SOZIALUNTERNEHMEN
Der BWA und das Global Economic Network haben sich aus allen diesen Gründen entschlossen, einen Schwerpunkt ihrer künftigen Arbeit auf die Vermittlung von neuen Social Joint Ventures zu legen sowie auf die Entwicklung der politischen Rahmenbedingungen für deren beste Entfaltung.
Der Hauptschritt war die Einrichtung zweier Kommissionen beim Global Economic Network (siehe linke Seite). Die „Commission for New Social Venture Funds & New Funding Instruments“ unter Leitung von Dr. Maritta Koch-Weser arbeitet unter anderem an der Umsetzung des Yunus-Impulses für eine Sozialbörse, durch die Sozialunternehmen und andere sinnvolle Projekte finanziell ausgestattet werden sollen, sowie an weiteren neuen Finanzierungsinstrumenten. Die Leitung der „Commission for Social Business“ übernahm Hans Reitz, Gründer der Kommunikationsagentur „circ“, die im vergangenen Jahr als die kreativste Agentur Deutschlands ausgezeichnet wurde. Er gewann mit „Hess Natur“ bereits im Sommer 2007 das erste deutsche Unternehmen für eine solche Zusammenarbeit mit Grameen.
Bei den Beratungen der GEN-Delegation mit Muhammad Yunus auf dem Campus seiner Grameen Bank in Dhaka konnte Hans Reitz ein weiteres Social Joint Venture vorstellen, zu dem einer der großen deutschen „Global Player“ bereit ist. Yunus zeigte sich begeistert und meinte, dies könnte noch bedeutsamer werden als die Zusammenarbeit mit Danone. Es liegen nunmehr alle erforderlichen Zusagen für dieses Projekt vor, das im Jahr 2010 mit einer weltweiten Medienkampagne auf dem Markt eingeführt wird. Mehrere weitere Unternehmen aus den Bereichen Mobilität, Energie, Chemie und Lebensmittel zeigten ebenfalls bereits sehr starkes Interesse an derartigen Social Joint Ventures.
YUNUS KOMMT 2008 GLEICH ZWEIMAL NACH DEUTSCHLAND
Die Delegation lud Yunus im eigenen Namen sowie auch im Namen weiterer Partner zu zwei Besuchen in Deutschland in diesem Jahr ein. Yunus sagte beides zu.
Der erste Termin ist der 11./12. April 2008. Dieser ist vor allem der Promotion seines neuen Buches „Die Armut besiegen“ gewidmet. BWA und GEN sind dabei Mitveranstalter der Bundespressekonferenz sowie weiterer Medientermine.
Die zweite Zusage betrifft den 2. Vision Summit, der im Herbst 2008 stattfinden und ganz dem Thema „Social Business“ gewidmet sein wird. Der genaue Termin wird in Kürze festgelegt werden können. Möglicherweise wird Yunus durch das Arrangement von BWA und GEN auf seiner Herbstreise mehrere weitere wichtige Wirtschaftskongresse als Hauptredner besuchen können.
KOOPERATION BEI CO2-KAMPAGNE
Ein Wunsch des Delegationsteilnehmers und BWA-Senatsmitglieds Prof. Günter Faltin ging ebenfalls in Erfüllung: Er bot an, dass ein beträchtlicher Teil der Erlöse aus seiner CO2-Kampagne unmittelbar der Förderung der Grameen-Aktivitäten im Bereich regenerativer Energien zugute kommt. Auch dem stimmten die Grameen-Gesprächspartner gerne zu.
EIN WEITERES ERGEBNIS DER REISE: EIN BILDBAND ÜBER DIE „GRAMEEN FAMILY“ ENTSTEHT
Bei der Reise entstand dank der Teilnahme des bekannten Fotografen Roger Richter schließlich die Idee, die gesammelten Eindrücke und Erkenntnisse in Buchform festzuhalten. Roger Richter und Hans Reitz produzierten den diesjährigen Kalender für die Andheri-Hilfe, der preisgekrönt wurde. Jetzt soll ein Bildband mit Fotos von Roger Richter über die „Grameen Family“ entstehen, zu dem Peter Spiegel den Text schreiben wird.
Als ein Resumée der Reise meinte BWA-Vorstandsvorsitzender Dieter Härthe: „Diese Reise hat für den BWA entscheidende Impulse gesetzt, aus denen heraus sowohl der Wirtschaft hier bei uns als auch in den Ländern des Südens viele neue Chancen eröffnet werden. Jetzt geht es darum, die Impulse zügig umzusetzen.“


