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„We need a consistent regulatory framework for the world financial system“
Franz Josef Radermacher und Dirk Solte rufen in Verbindung mit dem Erscheinen der BWA/FAW-Studie...
„We need a consistent regulatory framework for the world financial system“
Franz Josef Radermacher und Dirk Solte rufen in Verbindung mit dem Erscheinen der BWA/FAW-Studie „Weltfinanzsystem am Limit“ dazu auf, endlich eine nachhaltige Weltfinanzordnung zu schaffen
In den Räumen der Bundespressekonferenz in Berlin stellten BWA-Präsident Franz Josef Radermacher und der BWA-Ökonom Dirk Solte am 30. Januar 2008 grundlegende Vorschläge als Konsequenz aus den jüngsten Skandalen und bedrohlichen Entwicklungen in der Finanzwelt vor.
VOR ALLEM DER MITTELSTAND IST GEFÄHRDET
„Wie viele und wie verheerende Finanzskandale brauchen wir noch, bis wir endlich ernsthaft über ein vernünftiges Weltfinanzsystem nachdenken?“, fragte Radermacher gegenüber den anwesenden Journalisten. Er wies auf die Untersuchungen von Huschmand Sabet hin, der als ehemals größter Mittelständler seiner Branche zu dem Ergebnis kam, dass wir seit gut zehn Jahren eine dramatische und systematische Verschlechterung der Lage des Mittelstands und des Großteils der mittelständischen Wirtschaft haben.
Hinzu komme die finanzielle und strukturelle Schwächung der Nationalstaaten, ihren Aufgaben der Rahmensetzung, Rahmengestaltung und Bereitstellung der Basis für Wertschöpfung und Wohlstand nachzukommen. Dies gehe zu Lasten jenes Teils der Wirtschaft und der Menschen, der sich nicht so konsequent globalisieren kann wie die Global Player. Die Logik des heutigen Weltfinanzsystems habe hiermit sehr viel zu tun und müsse daher auf den Prüfstand.
SCHWIERIGE DATENBASIS
Es sei schwierig, über dieses Thema überhaupt umfassend wissenschaftlich zu forschen, meinte Solte, Autor der BWA/FAW-Studie „Weltfinanzsystem am Limit“. Es fehle einerseits - ausgerechnet in diesem so hoch professionellen Themenfeld - an einer guten Datenbasis und andererseits sei eine nüchtern-kritische Auseinandersetzung allzu leicht dem Verdacht von Verschwörungstheorien ausgesetzt. Solte betonte daher: Die Probleme des Weltfinanzsystems haben absolut nichts mit Verschwörungen zu tun, es handle sich vielmehr um ein systemisches Problem, dessen Lösung allerdings endlich wissenschaftlich erforscht werden müsse. Ansonsten würden wir uns massiven Schockwellen aussetzen, von denen die Subprime-Krise nur eine leichte Ankündigung war.
DIE „WUNDERBARE GELDVERMEHRUNG“ UND DIE WACHSENDE MACHT DER GLOBALEN FINANZWIRTSCHAFT
Ein grundlegendes Problem des heutigen Weltfinanzsystems ist die „wunderbare Geldvermehrung“. Während 1970 das Verhältnis zwischen Zentralbankengeld und Umlaufgeld noch beim etwa 22-fachen lag, sind wir heute schon beim 53-fachen angelangt. Die Geldschöpfungsmöglichkeit konzentriert sich heute besonders auf die „Verbriefung“ von Geldansprüchen in den für die Akteure an den Finanzmärkten geeigneten Währungen, was zu erheblichen Verzerrungen im globalen Wettbewerb führt.
So hat sich der Anteil der Renditen aus reinem Finanzvermögen am Welteinkommen von 1970 bis 2007 von 7 Prozent auf 20 Prozent erhöht. Wenn der Trend so weitergehe, sei man bis 2057 bei 100 Prozent angelangt, was die Absurdität anzeigt. Produktive Arbeit werde mit großer Geschwindigkeit immer weniger wert. Dies gefährde die Wirtschaft in ihrer Substanz.
Gleichzeitig bedeute dies: Immer mehr Kapital sucht nach Anlage und übe damit systemisch immer mehr Druck auf Unternehmen aus. Das Kräfteverhältnis zwischen dem Kapitalmarkt einerseits und produktiven Unternehmen und Arbeitskräften andererseits verschiebt sich immer weiter zugunsten des ersteren.
DIE GESTALTUNGSKRAFT DER STAATEN UND GESELLSCHAFTEN SINKT
Eine weitere Folge der Deregulierung im Weltfinanzsystem ist die systemische Schwächung der Handlungsfähigkeit der Staaten und damit auch der Gesellschaften.
Der Anteil der Schuldkosten für Verbindlichkeiten im staatlichen Sektor liegt derzeit in den EU-Staaten bei 11,3 Prozent, in den USA bereits bei 31,9 Prozent. Die lineare Fortschreibung dieser Entwicklung würde in der EU bis 2049 und in den USA bereits bis 2027 dazu führen, dass 100 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst fließen würde. Natürlich ist eine solche Linearität nicht möglich, aber das Zahlenspiel zeigt die fundamentalen Gefahren der gegenwärtigen Dynamiken.
ÖKOSOZIALE MARKTWIRTSCHAFT WIRD DERZEIT GLOBAL UNTERLAUFEN
Nach Radermacher und Solte bedeuten diese Trends nichts geringeres als dies:
• Die Entscheidungen über das Design und die Spielregeln des derzeitigen Weltfinanzsystems folgen keinen demokratischen Prinzipien und es existieren in diesem System nahezu keine ökosozialen Standards.
• Dadurch wird die Durchsetzung von ökosozialen Standards in Entwicklungs- und Schwellenländern und deren Erhalt in Industrie-ländern systemisch unterminiert.
• Selbst die sozialen Demokratien in den bisherigen Industrieländern geraten dadurch immer weiter unter Druck.
• Schließlich drohe über kurz oder länger der Kollaps des Weltfinanzsystems.
Die Studie „Weltfinanzsystem am Limit“ liefert als erstes eine wissenschaftlich fundierte analytische Erklärung und Darstellung der Wirkzusammenhänge, um über diese Probleme nun weiterarbeiten zu können. Erforderlich ist jetzt eine gründliche Arbeit an systemischen Lösungskonzepten.
Literaturhinweis:
Dirk Sollte: Weltfinanzsystem am Limit
Einblicke in den „Heiligen Gral“ der Globalisierung. Geleitwort von Wolfgang Eichhorn. Ein BWA/FAW-Report. Mai 2008. 279 Seiten. Terra Media Verlag. Gebunden 19,80 Euro


